Leseproben



Die nachfolgende Rede schrieb ich für eine Gedenkfeier am 27. Januar 2011. Die konkreten Zusammenhänge wurden unkenntlich gemacht.


- es gilt das gesprochene Wort -


Sehr geehrter Herr Präsident Mustermann,
sehr geehrter Herr Pfarrer Beispiel,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee zeigte der Welt ein einzigartiges Verbrechen, für das den Befreiern die Worte fehlten, vor Entsetzen und Fassungslosigkeit.

Der jüdische Buchautor Primo Levi, einer der nur 7.000 Überlebenden von Auschwitz, beschreibt die Beklemmung der Soldaten, als sie an den Ort des Grauens kamen:

„Sie grüßten nicht, sie lächelten nicht; sie schienen befangen, nicht so sehr aus Mitleid, als aus einer unbestimmten Hemmung heraus, die ihnen den Mund verschloss und ihre Augen an das düstere Schauspiel gefesselt hielt."

Auschwitz ist der Inbegriff für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Der Name steht für tausende Konzentrationslager, in denen ein ganzes Volk ausgelöscht werden sollte. Was uns an Auschwitz erschüttert und fassungslos macht, ist nicht allein das Ausmaß des Völkermordes mit über sechs Millionen ermordeter Menschen. Es ist der industrielle Massenmord mit einer Maschinerie, die einzigartig war und in der Geschichte der Menschheit einzigartig bleibt. Es sind die Schicksale, die hinter den Opferzahlen stehen, die Lebensgeschichten von Männern, Frauen und Kindern, Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, politischen Gefangenen aus ganz Europa, die ermordet wurden, weil die Nationalsozialisten ihnen ein Leben in Freiheit und Gerechtigkeit verwehrten.

Wir haben als Nachgeborenen die Aufgabe, diesen Teil unserer dunklen Geschichte immer wieder zu erinnern und zu begreifen, wie es anfing, wie es so weit kommen konnte.

Richard von Weizsäcker formulierte diesen Auftrag in seiner weltweit beachteten Rede zum 40. Jahrestag der Befreiung durch die Alliierten am 8. Mai 1985:

„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

Wir erinnern uns deshalb auch heute, am 27. Januar 2011, der Unmenschlichkeit, weil wir uns und vor allem auch die junge Generation damit sensibilisieren wollen, um uns der Ansteckungsgefahr, von der Richard von Weizsäcker spricht, bewusst zu bleiben.

Meine Damen und Herren,

in der Verantwortung vor unserer Geschichte sind wir verpflichtet, jede Form, jeden auch noch so vermeintlich harmlosen Ansatz von Antisemitismus, aber auch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz zu ächten und zu bekämpfen.

Vielleicht ist es auch eine Aufgabe der Deutschen in der europäischen Staatengemeinschaft, diese besondere Sensibilität einzubringen, die man andernorts vermissen lässt.

So war ich entsetzt über Frankreichs Staatspräsident, der im Sommer des letzten Jahres über 50 Roma-Lager in Frankreich räumen lies und Tausende Sinti und Roma aus Frankreich auswies. Eine Umfrage der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“ ergab, dass rund 65 Prozent der Franzosen die Rückführungen billigten. Eine andere Umfrage nennt 48 Prozent Zustimmung.

Wir sehen an diesem Beispiel, dass es weiterhin Tendenzen gibt, Menschen wegen ihres Anderseins zu diskriminieren.

Meine Damen und Herren,

wir müssen deshalb wachsam bleiben. Auch hier in Deutschland. Vermutlich erinnern sich noch viele der heute Anwesenden an den Naziaufmarsch in unserer Stadt im vergangenen Jahr. Diese Aufmärsche der unbelehrbaren Neo- und Alt-Faschisten müssen wir leider immer wieder erleben und wir müssen auch weiterhin geschlossen dagegen aufstehen.

Ich fand es damals beeindruckend, dass sich gerade die jungen Bürgerinnen und Bürger so engagierten. Denn es sind vor allem die nachwachsenden Generationen, denen wir unsere besondere Verantwortung vor unserer Geschichte immer wieder vermitteln müssen.

Dieser Vermittlungsauftrag ist aber mit einem Gedenktag noch nicht erfüllt. Es kommt vielmehr darauf an, die Erinnerung in vielen Erziehungs- und Bildungsphasen zu verankern, sei es in den Schulen und Universitäten, den Kirchen, in der Jugendarbeit generell, sei es mit dem Holocaust-Denkmal in Berlin sowie den jüdischen Museen Deutschlands.

Eine besonders gelingende Art dieser Erinnerungsarbeit mit und für die jüngeren Generationen ist das Kunstprojekt „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demning. Seit Ende 2009 gibt es hier in unserer Stadt drei dieser Stolpersteine, die an die Verfolgung und Ermordung von Politikern in unserer Region erinnern.

Unsere Stadt ist eine von mittlerweile über 580 Kommune in Deutschland, in der Stolpersteine namentlich an einzelne Menschen und ihre persönlichen Schicksale erinnern, die während des Dritten Reiches verschleppt, deportiert und ermordet wurden. Wenn es denn möglich erscheint, sollte dieses Projekt weitergeführt werden.

Meine Damen und Herren,

ich würde es begrüßen, wenn diesen drei ersten Stolpersteinen noch weitere folgten und damit die Spuren der Vergangenheit hier in Stadt und Kreis weiter freilegten.

Denn in nichts wird Geschichte lebendiger, wenn wir sie mit konkreten Schicksalen verbinden können. Als ich Schülerin war, hatten wir noch die Gelegenheit, mit Zeitzeugen zu sprechen. Ihre Erzählungen vermittelten uns die einzigartige Grausamkeit, zu der unsere Vorfahren fähig waren.

Diese Möglichkeit hat die heutige junge Generation nicht mehr. Für sie ist es mühsamer geworden, sich eine Vorstellung zu erarbeiten, was sich damals ereignete.

Ich denke daher, dass wir Jugendliche in Kreis und Stadt dazu ermutigen sollten, gemeinsam weitere Stolpersteine zu erarbeiten. Und vielleicht sollten wir dabei auch weiter zurück in die Geschichte blicken.

Denn: Schon vor 1933 gab es in Deutschland Judenhass und Ausgrenzung. So habe ich nachgelesen, dass 1925 noch fast 500 jüdische Mitbürger hier im Kreis wohnten. 1933 waren es dann nur noch 100. Und 1939 waren noch ganze 17 Menschen jüdischen Glaubens hier gemeldet . Was ist aus den Familien, aus den Frauen, Männern und Kindern geworden, welches Schicksal haben Sie erlitten?

Meine Damen und Herren,

ich bin dankbar, dass wir seit 2002 wieder eine jüdische Gemeinde in unserer Stadt haben. Es ist wohl das größte Zeichen der Versöhnung seit dem Ende des Nazi-Regimes, dass jüdische Bürger hier wieder Gemeinden gründen und sich in unsere Gemeinschaft einbringen.

Ich wünsche uns allen, dass wir Wachsam bleiben und die nachwachsenden Generationen die Erinnerungsarbeit weiterführen mögen.

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